2. Nationalism in Japan (Nationalismus in Japan)
Die schlimmste Form der Knechtschaft ist es,
wenn wir der Verzagtheit anheimfallen, denn ~ie
raubt uns den Glauben anuns selbst und damit
jede Hoffnung auf Befreiung. Man hat uns
wiederholt und mit einem gewissen Recht gesagt,
daB A~ien in der Vergangenheit lebt - es
ist wie ein reiches Mausoleum, das alle seine
Pracht entfaltet, urn die Toten unsterblich ·zu
machen. Man hat von Asien gesagt, daB es
niemals den Pfad des Fortschritts OOschreiten
kiinne, weil es nicht anders kiiune als den Blick
nach riickwarts richten. Wir nahmen diesen
Vorwurf hin und hielten ihn schliel3lich fUr 00rechtigt.
Ich weiB, daB in Indien eine groBe
Anzahl unserer Gebildeten die Demiitigung; die
in diesem Vorwurf liegt, nicht ertragen bun
und nun ihre ganze Fahigkeit zum Selbstbetrug
aufbietet, um ihn in em Lob zu verwandeln
und damit zu ,,,rahlen. Aber Prahlerei ist nur
Schamgefiihl f:.nter falscher Maske, sie glaubt
nicht wirklich an sich.
Als die Dinge so standen und wir Bewohner
Asiens uns in den Glauben hinein hypnotisierten,
daB es immer so bleiben miisse und auf keine
Weise anders werden konne, erwachte plotzlich
Japan aus seinem Schlummer, holte mit Riesenschritten
die miiBig vertraumten Jahrhunderte
nach und stand bald mit seinen Leistungen in
der vordersten Reihe seiner modernen Zeitgenossen.
Dies hat den Zauber gebrochen, in dem
wir jahrhundertelang gebannt lagen, als wir
glaubten, unser Los sei nun einmal das Los bestimmter
Volker unter bestimmten Himmelsstrichen.
Wir hatten vergessen, daB in Asien
einst groBe Konigreiche gegriindet wurden, daB
Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Literatur
bei uns bliihten und aile groBen'Religionen hier
ihre Wiege hatten. Man kann daher nieht sagen,
daB in dem Boden und Klima Asiens irgend
etwas ist, was geistige Untiitigkeit erzeugt oder
om Menschen den Trieb zum Fortschritt verkiimmern
liiJ3t. Jahrhundertelang haben wir in
Asien die Fackel der Kultur hochgehalten, als
der Westen noch im Dunkel schlummerte, und
dies kann doch nicht das Zeichen von geistiger
Schwerfailigkeit und engem Horizont sein.
Dann kam eine Zeit, wo das Dunkel der Nacht
sich auf aile Lander des Ostens legte. Der Strom
der Zeit schien pliitzlich stillzustehen, und Asien
,I: hlirte auf, neue Nahrung zu sich zu nehmen;
es fing an, sich von seiner Vergangenheit, das
heiJ3t in Wahrheit, von sich selbst zu nahren.
Es lag in Totenstille da, und die Stimme, die
einst ewige Wahrheiten mit lautem Ruf verkiindet
und viele Menschenalter hindurch das
Menschenleben rein gehalten hatte, wie der
Ozean von Luft die Erde umspiilt und reinigt, diese
Stimme war verstummt.
Aber das Leben braucht auch seinen Schlaf,
seine Perioden der Untatigkeit, wo seine Bewegungen
aufhliren, wo es keine neue Nahrung
zu sich nimmt und von den Vorraten seiner
Vergangenheit lebt. Dann wird es hilflos, seine
Muskeln erschlaffen, und es ist leicht, es wegen
seiner Stumpfheit zu verhiihnen. 1m Rhythmus
des Lebens sind diese Pausen niitig, damit das
Leben sich erneuern kann. Ein tatenvolles Leben
verausgabt sich bestandig, verbrennt all sein 01.
Diese Verschwendung kann nieht unbegrenzt
weitergehen, sondern ihr muB immer eine Zeit
del' Passivitat folgen, wo keine Krafte mehr verbraucht
und keine Abenteuer mehr unternommen
werden dilrfen, wo Ruhe erste Ptlicht ist,
damit die Lebenskraft allmahlich wieder wachsen
kann.
Unser Geist neigt von Natur zur Sparsamkeit,
er liebt es, Gewohnheiten anzunehmen und sich
auf ausgefahrenen Gleisen zu bewegen, die ihm
die Milhe sparen, bei jedem Schritt nachzudenken.
Fertig ilbernommene Ideale machen den Geist
trage. Er filrchtet, seinen Besitz zu verlieren,
im Ringen nach neuem Erwerb. Er versncht,
ihn sich zu sichern, indem er ihn in einer Festung
von Gewohnheiten verschlieBt. Abel' dies heiBt
in Wahrheit, sich den vollen GenuB seines Besitzes
unmiiglich machen. Es ist Geiz. Die
lebendigen Ideale durfen nicht die Beruhrung
mit dem wachsenden, wechselnden Leben verlieren.
Nicht innerhalb sie sorglich hiitender
Schranken sind sie wahrhaft frei, sondern drauBen
auf del' LandstraBe des Lebens mit all ihren Abenteuern
und Moglichkeiten neuer Erfahrungen.
Eines Morgens blickte die ganze Welt in Staunen
auf: Japan hatte in del' Nacht die Mauern
seiner alten Gewohnheiten durchbrochen und
trat triumphierend daraus hervor. Es war in
einer 50 unglaublich kurzen Zeit geschehen, wie
das Wechseln eines Gewandes, nicht wie das langsame
Errichten eines neuen Baues. Das neue
Japan zeigte zugleich das zuversichtliche KraftbewuBtsein
des reifen Alters und die Frische und
unendliche Moglichkeitsfiille neu erwachten Lebens.
Man fiirchtete damals, daB es sich nur
urn. eine plOtzliche Laune del' Geschichte handelte,
um ein kindisches Spiel del' Zeit, eine Seifenblase,
zwar vollkommen in ihrer RundUIJg und
Farbenschonheit, doch innen hohl und ohne Gehalt.
Abel' Japan hat endgiiltig gezeigt, daB die
plOtzliche Offenbarung seiner Macht nicht ein
kurzlebiges W'under war, eme zufiillige und Yoriibergehende
Erscheinung im Zeitenstrom, aus
der dunklen Tiefe heraufgeschleudert, um 1m
niichsten Augenblick mit den Fluten hinweggerissen
.zu werden ins Meer der Vergessenheit.
Deun Japan ist alt und modern zugleich. Es
hat sein' Erbe alter ostlicher Kultur, jener Kultur,
die dem Menschen zur Pi1icht macht, wahren
Reichtum und wahre Kraft in sich selbst, in
seiner Seele zu suchen, jener Kultur, die ihm
inneren Hal~ gibt gegeniiber Verlust und Gefahr,
die ihn opferwillig macht, ohne daB er an das
denkt, was es' ihn kostet, oder auf Lohn hofft,
die ihn lehrt, dem Tod zu trotzen und sich den
unzahligen Verpflichtungen zu unterwerfen, die
er als Glied der Gesellschaft seinen Mitmenschen
gegeniiber hat. Es besitzt das Erbe jener Kultur,
die uns in allen endlichen Dingen die Vision
des Unendlichen gegeben hat, durch die wirer!<
aunt haben, daB das Weltall Von Leben und
Seele durchtriinkt ist, daB es nicht eine ungeheure
Maschine ist, die einst Yom Teufel Zufall
zum Vorschein gebracht oder von einem teleo-
logischen Gott geschaffen wurde, der in einem
fernen Himmel 1ebt. Mit einem Wort, das modeme
Japan ist ausderit uralten Osten entsprossen
wie die Lotusblume, die sich leicht und anmutig
in der Luft wiegt und doch fest und tief-in dem
Boden wurzelt, dem sie entsprungen.
Und Japan, dies Kind des alten Ostens, hat
doch keck nach allen Gaben des modernen Zeitalters
gegriffen. Es hat seinen kUhnen Geist gezeigt,
indem es die Schranken der Gewohnheit
durchbrach, welche Triigheit nach und nach aufgerichtet
hatte; seine eigene Tlichtigkeit und
Wachsamkeit sollten hinfort seine Sicherheit und
sein Schutz sein. So ist es in BerUhrung gekommen
mit dem Leben der Zeit und hat mit
bewundemswertem Eifer und erstaunlicher Begabung
die Verpflichtungen der modernen Zivi1isation
auf sich genommen.
Dies ist es, was dem iibrigen Osten Mut gemachthat.
'Vir haben erkannt, daB Leben und
Kraft in uus ist, es gilt nur, die trockene Rinde
abzuwerfen und nackt hineinzutauchen in den
verjungenden Strom der Zeit. Wir haben er-
kannt, daB seine Znflucht zu toten Dingen nehmen,
Tod bedeutet, und daB nur der lebt, der
das ganze volle Wagnis des Lebens auf sich nimmt.
Ich meinesteils kann nicht glauben, daB Japan
das geworden ist, was es ist, dadurch daB es dem
Westen nachahmte. Wir konnen Leben nicht
nachahmen, Kraft nicht lange hencheln, ja, bloBes
Nachahmen totet die Kraft, die da ist. Denn es
fesselt unsere wahre Natur und hemmt nns liberall
Es ist, als ob wir liber nnsere Knochen die
Hant eines andern Menschen zogen und so zwischen
beiden einen ewigen Kampf schufen.
Die Wahrheit ist, daB die Wissenschaft nicht
zur Natnr des Menschen gehort; sie ist nnr etwas
Erlerntes und durch Schulung Erworbenes. Wenn
ihr die Gesetze der iiuBeren Natur kennt, so
ondert das noch nichts an eurer menschlichen
Natur. Wissen konnt ihr von andern borgen,
aber nicht Gaben des Gemuts.
Aber in derersten Zeit unserer Ausbildung,
wo wir noch nichts weiler. tun als nachmachen,
konnen wir noch nicht zwischen VITesentlichem und
Unwesentlirhem, zwischen trbertragbarem und
Nichtubertragbarem unterscheiden. Es ist wie
mit ,dem Glauben des primitiven Geistes an die
Zauberkraft zufiilliger au13erer Formen, in denen
sich ihm eine VVahrheit kundgibt. VVir fiirchten,
etwas VVertvolles und VV irksames zuriickzulass
en,wenn wir nicht die Schale mit dem Kern verschlucken.
Aber wahrend unsere Gier irmner
das Ganze sich aneignen will, verleiben unsere
Lepen schaffenden Organe die nahrenden Stoffe
dem Kllrper ein, und dies ist die rechte Art,
wie ein lebendiger Organismus von den Dingen
13esitz nimmt . VV 0 Leben ist, da behauptet es
sich slcher dadurch, daB es das auswahlt, was
es zu seiner Erhaltung braucht, und das Schadliche
zuriickweist. Der lebendige Organismus
wachst nicht in seine Nahrung hinein, sondern
seine Nahrung wachst in ihn hinein. Und nur
so kann" er stark werden, nicht indem er sie
nur in sich anhauft oder indem er sich selbst
aufgibt.
Japan hat seine Nahrung YOm Westen eingefiihrt,
aber nicht seine Lebensorgane' Japan
kann
nicht ganz in der wissenschaftlichen Ausstaffierung,
die es vom VVesten bekommen hat,
untertauchen und zu einer blo13en iibernommenen
Maschine ,werden. Es hat seine eigene Seele,
die sich VOl' allen andern Bediirfnissen geltend
machen mu13. DaB sie dies .kann und daB Japan
es versteht, die neuen Errungenschaften sich in
rechter Weise zu eigen zu machen, das beweisen
reichlich die Zeichen kriiftiger Gesundheit, die
wir an ihm wahrnehmen. Unq ich hoffe aufrichtig,
daB Japan iiber dem Stolz auf seine modernen
Errungenschaften nie den Glauben an
seine Seele verlieren wird, denn schon jener Stolz
ist eine Demiitigung und fiihrt am Ende zu
Armut und Schwiiche. Es ist del' Stolz . des
Gecken, del' gro13eren Wert auf seine Kopfbedeckung
legt als auf den Kopf selbst.
Die ganze Welt wartet, um zu sehen, was
dieses gro13e Yolk des Ostens npn anfangen wird
mit den Moglichkeiten und Verpflichtungen, die
es aus den Randen del' modernen Zeit empfangen
hat. 1st es nul' eine Nachbildung des Westens,
so werden die gro13en Erwartungen, die es erweckt
hat, unerfiillt bleiben. Denn es sind ernste
Fragen, die die westliche Zivilisation aufgeworfen
und noch nicht ganz gellist .hat. Der Konflikt
zwischen Staat und Individuum, Arbeit und Kapi~
tal, Mann und Frau; der Konflikt zwischen materieller
Gewinnsucht und BedUrfnis nach geistigem
Leben, zwischen der organisierten Selbstsucht der
Vlilker und den hliheren Idealen der Menschlichkeit,
und all die schlimmen Konflikte, die
sich ergeblln aus dem Gegensatz zwischen den
riesigen Organisationen des Handels und des
Staates und den natUrlichen Instinkten des Menschen,
die nach Einfachheit, Schlinheit und MuJ3e
rufen _ dies alles soli in Harmonie gebracht werden
auf einem Wege, den noch Iiiemand ahnt.
Wir haben gesehen, wie dieser :"groBe Strom
der.Zivilisation sich staute und gehemmt wurde
durch die TrUmmer, die seine unzlihligen Kanlile
ihm zutrugen. Wir haben gesehen, daB bei all
ihrer vielgepriesenen Menschenliebe die Zivilisation
selbst sich als die grliBte Bedrohung· fur
den Menschen erwies, eine weit schlimmere als
die pllitzlichen Dberfiille nomadischer Barbaren,
durch die die Menschen in frUheren Zeitaltern
litten. Wir haben gesehen, daB sie, trotzdem
sie mit ihrer Freiheitsliebe prahlte, schlimmere
Formen del' Sklaverei schuf, als je in einer menschlichen
Gesellschaft ublich waren - eine Sklaverei,
d!"l'/m Kett!"n unzerbrechlich sind, entweder w!"il
sie unsichtbar sind oder wei! sie Namen und
auUeren Schein del' Freiheit haben. Wir haben
gesehen, wie del' Mensch im Bann ihrer ungeheuren
Gem!"inheit den Glauben verliert an all
die hohen 1deale des Lebens, die ihn groB gemacht
haben.
Daher kiinnt ihr Japaner nicht leichten Herzens
die moderne Zivi!isation annehmen mit all ihren
Tendenzen, Methoden und Einrichtungen, in lier
Meinung, daB das alles dazu gehiirt. 1hr muBt
euren ostlichen Sinn, eure geistige Kraft, eure
Liebe zur Einfachheit, eure GefUhle rur soziale
Verpflichtungen einsetzen, urn einen neuen Weg
zu bahnen fUr diesen groBen, ungelenken, miBtiinig
rollenden Triumphwagen des Fortschritts.
1hr mUJ3t die ungeheuren Opfer an Menschen_
leben und Freiheit, die er bei jedem Schritt auf
seillem Wege fordert, auf das kleinste MaB
bringen. Viele Menschenalter hindurch habt
ihr auf eure eigene Art gefUhlt, gedacht und gearbeitet,
euch gefreut und eufe Glitter verehrt.
Diese eure Art klinnt ihr nicht wie ein altes
Gewand ablegen. Denn sie ist in eurem Blut,
in dem Mark eurer Knochen, in dero Gewebe
eures Fleisches, in den Windungen eures Gehirns,
und sie muB aHem, was ihr berUhrt, ihren
Stempel geben, ohne euer Wissen, selbst gegen
euren Willen. Einst fandet ihr doch eine Lllsung
fUr die menschlichen Probleme, die euch befriedigte,
und ihr hattet eure eigene Lebensphilosophie
und eure eigene Lebenskunst. Dies
aHes mliBt ihr jetzt iluf die gegenwartige Lage
anwenden, und daraus wird eine neue Schlipful1g
entstehen, keine bloBe Wiederholung - eine
Schlipfung, welche ganz der Seele eures Volkes
gehPrt und welche sie stolz der Welt darbietet
ills ihren Beitrag zum Wohl der Menschheit.
Von aHen Landern in Asien hilbt ihr in Jilpan
die Freiheit, das, was ihr vom Westen bekommn
habt, nach eurem Sinn und eurem Bediirfnis zu
nutzen. Ihr habt das Gluck, nicht eingeengt
zu sein von auBen; daher ist eure Verantwortlichkeit
umso groBeI'; denn ihr antwortet im
Namen ganz Asiens auf die Fragen, die Europa
del' Menschheit vorgelegt· hat. In eurem Lande
werden die Versuche fortgefiihrt,wodurch del'
Osten das Bild del' modernen Zivilisation iindern
wird, indem er da Le~en: einhaucht, wo sie
Maschine ist, an Stelle kalter Berechnung menschliches
Gefiihl setzt, nicht so sehr nach Macht
und Erfolg fragt, als nach harmonischem und
lebendigem Vrachstum, nach Vl'ahrheit und
Schonheit.
Ich muB euch an jene Zeiten erinnern, als
del' ganze Osten Asiens von Binna bis Japan
durch das Band engster FreuNdschaft mit Indien
verbunden war, das einzig natiirliche Band, das
zwischen Volkern bestehen kann. Damals bestand
eine unmittelbare Verbindung von Herz
zu Herz; wir bildeten alle zusammen ein leben~
diges Nervensystem, wir spiirten gleichzeitig die
tiefsten Bediirfnisse del' Menschheit. Vrir lebten
nicht in Furcht· VOl' einander, wir brauchten unS
nicht zli bflwaffnen, um einander in Schach zu
halten. Nicht Eigennutz und Habgier trieb uns
zueinander, Ideen und Ideale wurden ausgetauscht,
Gaben der hochsten Liebe dargeboten
und empfangen. Verschiedenheit der Sprachen
und Sitten hinderten nicht die innigste Seelengemeinschaft;
kein Rassenstolz, keine freche tlberhebung
im BewuBtsein korperlicher oder geistiger
tlberlegenheit storte unsere Beziehung; neue
Blatter und Bliiten entsprossen dem Boden unserer
Klillst und Literatllf unter dem Sonnenlicht
der Menschenliebe, und Volker von verschiedenen
Liindern, Sprachen und Vergangenheitenbekannten
sich zu dem, was die hochste Einheit
der Menschen bildet und das starkste Liebesband.
Wollen wir nicht auch daran denken, daB damals,
in jenem goldenen Zeitalter, als die Menschen
gemeinsam nach den hochsten Lebenszielen
strebten, eure Natur den Balsam der Unsterblichkeit
fUr sich aufspeicherte, der eurem Yolk
zur Wiedergeburt in einem neuen Zeitalter verholfen
hat und ihm die Kraft gegeben, seinen
.alten verbrauchten Leib a:bzutun und einen neuen
Leib anzulegen und unversehrt hervorzugehen
aus der· Erschiitterung der wunderbarsten Ulllwalzung,
die die Welt je gesehen hat?
Die politische Kultur, die auf dem Boden Europas
gewachsen ist und sich wie iippig wucherndes
Unkraut iiber die ganze Erde ausgebreitet
hat, griindet sich auf AusschlieBlichkeit. Sie ist
immer darauf bedacht, Fremde in Schach zu
halten lider zu vernichten. Sie ist kannibalisch
in ihren Neigungen, nahrt sich von dem, was andere
Volker notwendig zu ihrem Leben brauchen,
und versucht, deren ganze Zukunft zu verschlingen.
Sie fiirchtet immer, daB andere Rassen
auch zu Bedeutung gelangen, und erklart es als
eine Gefahr, und sie versucht, aile Keime VOn
GroBe au13erhalb ihrer Grenzen zu ersticken, indem
sie die Rassen, die schwacher sind als sie,
zu Boden wirft, damit sie auf ewig in ihrer
Schwache verharren. Bevor diese politische Kultur
zur Herrschaft kam und ihren hungrigen
Rachen weit genug offnete, urn ganze Er'dteile
zu verschlingen, hatten wit wohl Kriege, Plilnde_
rungen, gewaltsame Thronwechsel, die Elend
im Gefolge hatten, aber nie sahen wir solche
furchtbare und hoffnungslose Raubgier, soleh
ein gegemeitiges Sichauffressen von Nationen,
solehe riesigen Ma!Chinen zum Zerhacken ganzer
Erdteile, nie sahen wil' solche entsetzlichen Ausgeburten
von Eifersucht, die immer ihre scheuElichen
:lahne und Klauen bereit haben, sich
gegemeitig die Eingeweide zu zerfleischen. Diese
politische KuItur ist wissenschaftlich, nicht menschlich.
Sie ist mac'htig, weil sie alle ihre Krafte
auf Ein Ziel richtet, wie del' Millionar, del' Geld
erwirbt auf Kosten seiner Seele. Sie verrilt das
Vertrauen, schamlos spinnt sie Liigennetze, stellt
l'iesige Giltzenbilder del' Gier in ihren Tempeln
auf und ist sehr stolz auf die kostspieligen Zeremonien
iill'es Gottesdienstes, den sie Pattiotismus
nennt. Und man kann mit GewiEheit prophezeien,
daB soleh Treiben ein Ende finden muE,
denn es gibt in diesel' WeIt ein sittliChes Gesetz,
dem nicht nul' del' Einzelne, sondern auch die
ol'ganisierten Gemeinschaften unterworfen sind.
Ihr kilnnt nicht diese Gesetze im Namen eurer
Nation bestandig verletzen und als Individuen
ihren Segen genieBen. Dies ilffentliche Unter-
graben der menschlichen Ideale 'wirkt auf jedes
Mitglied der Gesellschaft, es macht allmiihlich
undo nnmerklich die Menschen schwach und erzel1gt
jenes zynische MiBtrailen gegen alles, was
in der menschlichen Natur heilig und ehrwiirdig
ist, das. sichere Anzeichen von Greisenhaftigkeit.
Ihr miiBt bedenken, daB diese politische Kultur,
diese Religion des nationalen Patriotismus, noch
nicht lange auf die Probe gestellt ist. Die Fackel
des alten Griechenlands ist in dem Lande, wo
sie zuerst entziindet wurde, erloschen. Roms
Macht liegt tot und begraben unter den Triimmern
seines groBen Reiches. Aber die Kultur,
die sich auf. die natiirliche Gesellschaft und auf
die geistigen Ideale der Menschen griindet, lebt
noch in China und Indien. Wenn sie, an dem
MaBstab der mechanischen Kraft unserer heutigen
Zeit gemessen, auch schwach und klein aussieht,
so gleicht sie doch den kleinen Samenkiirnern,
die Leben enthalten; sie wird emporsprieBen
und wachsen, ihre wohltatigen Zweige ausbreiten
und Bliiten und Friichte hervorbringen, wenn
ihre Zeit kornmt und der befruchtende Segen
des Himmels auf sie herabstromt. Aber die Trfunmer
von Wolkenkratzern und zerbrochenen Maschinen,
die traurigen Reste von Macht und Gier,
kann selbst Gottes Segen nicht wieder aufrichten,
denn sie waren nicht Kinder des Lebens, sondem
Feinde allen Lebens - sie sind Spuren des
Aufruhrs, der im Kampf gegen das Ewige zerschellte.
Aber man macht uns den Vorwurf, daB unsere
Ideale unbeweglich sind, daB sie nicht die Triebkraft
haben, uns zu neuen Ausblicken zu fiihren
und neue Gebiete von Wissen und Macht zu
erschlieBen.1 daB die philosophischen Systeme, die'
Hauptstiitzen der morschen ostlichen Kultur, aile
auBeren Beweise verschmahen und in ihrer subjektiven
GewiBheit sich tOricht zufrieden geben.
Dies beweist nur, daB wir, wenn unser Wissen
unklar ist, geneigt sind, dem Gegenstand unseres
Wissens Unklarheit vorzuwerfen. Fiir einen
europaischen Beobachter ist unsere Kultur nichts
als Metaphysik, wie !iir einen Tauben das Klavierspiel
nur Fingerbewegung, aber nicht Musik ist.
Er kann es nicht glauben, daB diese Kultur eine
tiefe, lebendige Wirklichkeit als Grundlage hat, .
auf die sich unser Leben aufbaut.
Ungliicklicherweise ist der Beweis £iir die
Wirklichkeit eines Dinges nur seine siehtbare
Vergegenwartigung. An die Wirkliehkeit eurer
Umgebung glaubt ihr, weil ihr sie seht, aber es
ist schwer, einem Unglaubigen zu beweisen, daB
unsere Kultur nieht ein nebelhaftes System von
abstrakten Spekulationen ist, daB sie uns etwas
gegeben hat, was positive Wahrheit ist - eine
Wahrheit, die dem Menschenherzen Schutz und
Nahrung gibt. Sie hat einen innern Sinn in
uns entwickelt, die Gabe, in allen endlichen
Dingen das Unendliche zu schauen.
"Aber", sagt der Europaer weiter, "ihr macht
gar keine Fortschritte, in euch ist keine Bewegung."
Ich frage ihn: Woher wiBt .ihr das?
Fortschritte wollen nach ihrem Ziel beurteilt
werden. Der Eisenbahnzug macht seine Fortschritte
auf die Endstation zu - das ist Bewegung.
Aber ein ausgewachsener Baum hat
keine Bewegung dieser Art, sein Fortschritt ist
der Fortschritt des Lebensin ihm. Er lebt, und
sein Streben zurn Licht tont und klingt in seinen
BliiUern und in seinern Saft.
Auch wir haben jahrhundertelang gelebt, leben
noch und streben nach einer Wirklichkeit" deren
Erflillung kein Ende hat - nach einer Wirklichkeit,
die ilber den Tod hinausgeht und ihm erst
einen Sinn gibt, die sich ilber alles Elend und
alle Trilbsal dieser Welt erhebt und in freudiger
Entsagung Frieden und Reinheit bringt. Die
Frucht dieses inneren Lebens ist lebendige Frucht.
Nach ihr verlangt der Jilngling, wenn er milde
und staubbedeckt heimkehrt, der Soldat, wenn
er .verwundet ist; nach ihr verlangt man, wenn
der Reichtum verpraBt und der Stolz gedemiltigt
ist, wenn das Menschenherz in dern verwiITenden
Durcheinander der Tatsachen nach Wahrheit
und im Widerstreit seiner Neigungen nach
Harmonie ruft. Ihr Wert liegt nicht in ihrer
iiul3eren Fillle, sondern in ihrer Vollkommenheit.
Es gibt Dinge, die nicht warten konnen. Wollt
ihr kiimpfen oder den besten Platz auf dem
Marlet haben, so miiBt ihr euch in Marsch setzen
und laufen und stilrzen. Ihr spannt eure Nerven
aufs auJ3erste an und seid immer auf dem Posten,
wenn ihr Gelegenheiten ergreifen woIIt, die sich
nul' im FIuge erhaschen lassen. Abel' es gibt
Ideale, die nicht ein Versteckspiel treiben mit
unserm Leben; sie wachsen langsam vom Samenkorn
zur BlUte und von del' BlUte zur Frucht;
sie brauchen unendlich viel Raum und Himmelslicht,
urn zu reifen, und die Friichte, die sie
tragen, kilnnen jahrelang verschmiiht und vergessen
liegen, ohne daJ3 sie faulen. Del' Osten
mit seinen Idealen, del' in seinem Busen das
Licht del' Sonne und das Schweigen del' Sterne
von Jahrhunderten bewahrt,kann geduldigwarten,
bis dem Westen, del' dem Nutzen nacheiIt, del'
Atem ausgeht und er stiIIsteht. Europa wirft,
wahrend es eiligst zu seinen Geschaften fahrt,
einen verachtlichen Blick aus dem Wagenfenster
des Zuges auf den Schnitter, del' auf dem Felde
sein Getreide maht, und in del' rasenden Geschwindigkeit
del' Fiihrt muJ3 es ihm vorkommen,
als ob del' da dl'auJ3en sehr langsam ware
und immer weitel' zurUckginge. Abel' die Geschwindigkeit
nimmt einmal ein Ende, die Ge
schafte verlieren ihren Sinn, und das hungernde
Herz Europas jammert nach Nahrung, bis es endlich
zu dem bescheidenen Schnitter kommt, del'
im Sonnenschein seine Ernte einbringt. Denn
wenn auch das Geschaft und das Kaufen und
Verkaufen odeI' die Vergniigungssucht nicht warten
konnen, die Liebe wartet und mit ihr die
Schonheit und die Weisheit im Leiden und all
die Friichte frommer Demut und glaubiger Hingebung.
Dnd so wird del' Osten warten, bis
seine Zeit kommt.
Ich will jedoch nicht zogern, das GroBe in
Europa anzuerkennen, denn GroBes hat es ohne
Zweifel. Wir konnen nicht andel's als es von
Herzen lieben und bewundern - dies Europa,
von dem sich in Kunst und Literatur ein unerschopflicher
Strom, von Schonheit und Wahrheit
ergieBt, aile Lander und Zeiten befruchtend;
dies Europa, das mit titanischem Geiste in nie
ermiidender Kraft die Hohen und Tiefen des
Weltalls durchmiBt, das unendlich GroBe und
unendlich Kleine mit seinem Wissen umfaBt und
aile Krafte von Herz und Verstand dazu ver-
wendet, die Kranken zu heilen und all das Elend
zu mildern, das wir bis jetzt in hoffnungsloser
Resignation hinnahmen, dies Europa, das die \
Erde dahin bringt, uns mehr Frucht zu spenden,
als moglich schien, indem es mit Giite lmd Ge- .1.
walt alle groBen Kriifte der Natur in den Dienst I
des Menschen zwingt. Wahre GroBe wie diese I
kann nur auf Geistesstiirke beruhen. Denn nm'
der Geist des Menschen kann seines endlichen
Erfolges gewiB allen Schranken trotzen, seinen
Scheinwerfer hinter das unmittelbar vor Augen
Liegende richten, freudig zum Martyrer werden
fUr ferne Ziele, die er selbst nie erreichen kann
und von denen er durch keinen Fehlschlag sich
abbriugen laBt. Im Herzen Europas flieBt der
reinste Strom von Menschenliebe, Gerechtigkeitsliebe
und Opferwillen fUr hohere Ideale. Jahrhundertelange
christliche Kultur hat es tief bis
ins LEibensmark durchdrungen. Wir haben gesehen,
wie zu allen Zeiten in Europa edle Geister
fUr die Rechte des Menschen ohne Riicksicht
auf Farbe und Bekenntnis eintraten, wie sie,
Verleumdungen und Schmahungen von Seiten
ihres eigenen Volkes trotzend, fiir die Sache del'
Menschheit kampften und ibre Sthnmen erhoben
gegen die wilden Orgien des Militarismus, gegen
die Raserei brutaler Rachgier und Raubsucht,
die bisweilen ein ganzes Volk ergreift. Wir sehen,
wie sie immer bereit' sind, das Unrecht wieder
gut zu machen, das ihre eigenen Nationen friiher
andern zugefiigt, und wie sie vergebens
versuchen,
die Flut feigherziger Ungerechtigkeit aufzuhalten,
die ungehindert weiter stromt, weil del'
Widerstand von Seiten del' Geschiidigten schwach
und olme Wirkung ist. Sie sind da, diese fahrenden
Ritter des modernen Europas, die den Glauben
nicht verloren haben an selbstlose Liebe zur Freiheit,
an die Ideale, die keine nationale Selbstsucht
und keine geographischen Schrankenkennen.
Sie sind da, und beweisen uns, daB die
Quellen
ewigen Lebens in Europa nicht vertrocknet
sind, und von dorther wird immer
wieder
seine Wiedergeburt kommen. Da jedoch, wp
Europa zu bewuBt am Werk ist, das Gebaude
seiner Macht aufzurichten, und seine bessere Natur
verleugnet und verspottet, da hiiuft es seine
Missetaten zum Himmel auf und fordert Gottes
Rache heraus, indem es die giftige Saat physischer
und moralischer HaBlichkeit uber die ganze Erde
sat und durch sein herzloses Treiben des Menschen
Gefiihl fUr das Schone und Gute freventlich
verletzt. Europa ist auBerst gut in seinem
Wohltun, solange es seinen Blick auf die ganze
Menschheit richtet, und es ist auBerst bose in
seinem Ubeltun, sobald es seinen Blick nur auf
sein eigenes Interesse richtet und alle Kraft zur
GroBe nur auf Zwecke verwendet, die dem Unsterblichen
und Ewigen im Menschen entgegen
sind.
Ostasien hat seinen alten Pfad verfolgt und
eine Kultur entwickelt, die nicht politisch, sondern
sozial ist, nicht rauberisch und mechanisch
wirksam, sondern geistig und auf all die mannigfachen
tieferen menschlichen Beziehungen gegrundet.
Es hat in stiller Zuruckgezogenheit ffir
die Lebensprobleme der Volker Losungen ersonnen
und' hat sie im Schutz seiner Abgeschlossenheit,
kaum beriihrt von dynastischen
Wechseln und EinHillen fremder Volker, ausge
fuhrt. Aber jetzt, da die Welt von auBen uber
uns
hereingebrochen ist, ist unsere Abgeschlossen
heit
fur immer dahin. Und doch durfen wir
dies nicht beklagen, wie eine Pflanze es nicht
beklagen darf, wenn sie aus dunkler Erde zum
Licht emporgezogen wird. Jetzt ist die 'Zeit gekommen
wo dir die Aufgabe del' ganzen Welt
zu unserer Aufgabe machen mussen; wir mussen
den Geist unserer Kultur mit del' Geschichte aller
Nationen del' Erde in Einklang zu bringen suchen,
wir durfen unS nicht in torichtem Stolz in del'
SamenhUlle und 1ll del' Erdrinde, die unsere
Ideale schutzten ,und nahnen, festhalten, denn
beide, HUlle und Rinde, mussen durchbrochen
werden, wenn das Leben in all seiner Kraft und
Schonheit emporschieBen soIl, um der Welt 1m
Licht des Tages seine Gaben zu bieten.
Diese Aufgabe, die Schranke zu durchbrechen
und in die Welt hinauszutreten, hat von den
Volkern des OstellS Japan zuerst auf sich ge'
nommen. Es hat das Herz ganz Asiens mit Hoffnung
belebt. Diese Hoffnung gibt uns die heim\'
liche Flamme, die jedes Schopfungswerk braucht.
Asien fiihlt jetzt, daB es sein Leben beweisen
muB, dadurch daB es lebendige Werke schafft;
daB es nicht miiBig schlafend daliegen odeI', durch
Furcht odeI' Schmeichelei betilrt, in schwachlicher
Nachahmung dem Westen huldigen darf.
Dafiir sagen wir dem Land del' aufgehenden
Sonne Dank und bitten es feierlich, immer dessen
eingedenk zu sein, daB es die Mission des Ostens
zu erfiillen hat. Es muB dem Herzen del' modernen
Kultur den Lebenssaft tieferer Menschlichkeit
einflilBen. Es darf sie nicht vom Unterholz
ersticken lassen, sondern muB sie hinauffiihren
zu Licht und Freiheit, zu reiner Luft
und weitem Raum, wo sie im Licht des Tages
und im Dunkel del' Nacht dieStimme des Himmels
vernehmen kann. Auf daB die Erhabenheit seiner
Ideale allen Menschen sichtbar werde wie sein
schneegekrilnter Fudschijama, del' aus dem Herzen
seines Landes aufsteigt in die Region des Unendlichen
und sich stolz von seiner Umgebung abhebt,
schiln wie ein Madchen in dem wundervollen
Schwung seiner Linien, und doch fest
und stark und von ruhiger Majestat.
II.
Ich bin in vielen Landern gereist und Menschen
von allen Klassen begegnet, abel' nirgends
auf meinen Reisen fiihlte ich die Gegenwart des
Menschlichen so stark wie in diesem Lande. In
andern groBen Landern waren die Zeichen del'
Macht des Menschen weithin sichtbar, und ich
sah ungeheure Organisationen, die sich nach allen
Seiten wirksam zeigten. Die Pracht und tlppigkeit,
die dort herrscht in Kleidung, Einrichtung
und kostspieliger Unterhaltung ist erschreckend.
Man fiihlt sich bei ihnen in die Ecke gedrtickt
wie ein ungebetener Gast beirn Festrnahl; halb
ist man von Neid erfiillt, halb atemlos VOl' Staunen.
Bei ihnen hat man nicht das Gefiihl, daB
del' Mensch das Hiichste ist, sondern man wird
immer
gegen einen Haufen erstann!icher Dinge
geschleudert, die uns von den Menschen trennen.
Abel' in Japan ist nicht die Entfaltung von Macht
und Reichturn das herrschende Lebenselement.
Man sieht tiberall Zeichen von Liebe und Bewunderung
und nicht tiberwiegend von Ehrgeiz
und Habsucht. Man sieht ein Yolk, dessen Herz
sich ersehlossen hat und sieh versehwenderiseh
ausgibt in den einfaehsten Geraten des tagliehen
Lebens, in seinen sozialen Einriehtungen, in seinen
sorgsam gepflegten und zur Vollkommenheit ausgebildeten
Lebensformen und in seiner Art mit
den Dingen umzugehen, die nicht nul' gesehiekt,
sandel'll zugleich in jeder Bewegun~ anmutig ist.
Was in' diesem Lande den groBten Eindruck
auf mich gemacht hat, ist die Erkeuntnis, daB
ihr die Geheimnisse del' Natur nicht durch methodisehes
Zergliedern, sandel'll unmittelbar durch
Anempfinden erfaBt habt. Ihr habt die Sprache
ihrer Linien und die Musik ihrer Farben erkannt,
das EbenmaB in ihren UngleiehmaBigkeiten, und
den Rhythmus in del' Freiheit ihrer Bewegungen;
ihr habt gesehen, wie sie die ungeheuren Scharen
ihrer Wesen fiihrt und doch aile Reibungen
vermeidet, wie selbst die Widerstreite in ihren
Schopfungen in Tanz und Musik sieh losen, wie
ihr DberfluB die Faile del' selbstlosen Hingabe
ist, nicht prahlerisehe Versehwendung. Ihr habt
erkannt, daB die Natur ihre Kraft in Formen
del' Schonheit aufbewahrt, und diese Schonheit
ist es, welche Wle eine Mutter aile Riesenkrafte
an ihrer Brust nahrt, indem sie sie in tatiger
Wirksamkeit, und doch in Rube halt. Ihr habt
erkannt, daB die Lebenskrafte der Natur sich vor
Erschopfung bewahren durch den Rhythmus vollkQmmener
Anmut, und daB sie durch die Zartheit
ihrer geschwungenen Linien die Miidigkeit
von den Muskeln der Welt nimmt. Ich habe
geflihlt, daB ihr es vermocht habt, diesen Geheirnnissen
euer Leben anzugleichen, und daB
ihr die Wahrheit, die in der SchOnheit aller Dinge
liegt, in eure Seele aufgenommen habt. Ein
bloBes Wissen von Dingen kann man in kurzer
Zeit erwerben, aber ihr Geist kann nur erworben
werden durch jahrhundertelange Erziehung und
Selbstbeherrschung. Die Natur von auBen beherrschen
ist viel einfacher als sie in Liebe sich
zu eigen machen, denn dies kann nur ein wahrhaft
schopferischer Geist. Euer Volk hat diese
schopferische Kraft gezeigt; es erwarb nicht, sondern
es schuf; es stellte nicht Dinge zur Schau,
sondern offenbarte sein eigenes inneres Wesen.
Dieser schOpferische Geist ist allen Volkern eigen;
er bemachtigt sich der Menschennaturen und formt
sie nach seinen Idealen. Aber hier in Japan
scheint er seine Aufgabe vollendet zu haben, indem
er in den Geist des ganzen Volkes einging
und seine Muskeln und Nerven durchdrang.
Eure Instinkte sind zuverlassig geworden, eure
Sinne scharf, und eure Hiinde haben natilrliche
Geschicklichkeit erlangt. Der Schopfergeist Europas
hat seinen Volkern die Kraft zur Organisation
gegeben, die sich besonders in der Politik,
im Handel und in den wissenschaftlichen Betrieben
gezeigt hat. Der Schopfergeist Japans hat euch
die Schonheit in der Natur gezeigt und euch die
Kraft gegeben, sie im Leben zu verwirklichen.
In jeder besonderen Zivilisation drilckt sich eine
besondere menschliche Erfahrung aus. Europa
scheint am tiefsten den Widerstreit der Dinge
im Weltall empfunden zu haben, dessen man
nur Herr wird, indem man sie erobert. Daher
ist es immer zurn Kampf gerilstet und richtet
seine ganze Aufmerksamkeit darauf, Krafte zu
orgamsleren. Japan dagegen hat in seiner Welt
die Berilhrung mit einem Wesen gespilrt, vor
dem seine Seele sich in Ehrfureht beugt. Daher
rUhmt eS sieh nieht, die Natur zu beherrsehen,
sondern bringt ihr mit unendliehem und freu.
digem BemUhen die Opfer seiney Liebe dar. Seine
Verwandtsehaft mit del' Welt ist die tiefere Vel'·
wandtsehaft del' Seele. Dieses geistige Liebesband
verknUpft es mit den HUgeln seines Landes,
mit dem Meer und den Striimen, mit den Waldel'll
und ihrem ganzen Reiehturn an Sehlinheit
und Stimmung; es hat das Rausehen und FIUstern
und Seufzen del' Walder und das Sehluehzen del'
Wellen in seine Seele aufgenommen; es hat in
stillem, staunendem Sehauen die Sonne des Tags
auf ihrem Pfad begleitet und den Mond des
Naehts, und es ist froh, wenn es seine Werkstatten
und Laden sehlieBen darf, um drauBen
in den Obstgarten und Kornfeldel'll die Jahreszeiten
zu begruBen. - Und so sein Herz del'
Seele del' Welt iiffnen, ist nieht das Vorreeht
eines Teils eurer bevorzugten Klassen, es ist nieht
kUnstlieh erworbenes exotisehes Kulturprodukt,
sondern es ist allen eigen, allen Miinnern und
Frauen aller Stiinde. Diese Erfahrung eurer Seele,
daB ihr ein personliches Wesen im Innersten der
Welt gespiirt habt, ist in eurer Kultur verkorpert.
Es ist die Kultur der Briiderlichkeit. So hat
eure Pflicht gegen den Staat den Charakter der
Kindespflicht angenommen, und' euer Yolk ist
erne Familie geworden, deren Haupt der Kaiser
ist. Eure nationale Einheit griindet sich nicht
auf Waffenbriiderschaft zu Verteidigung und Angriff,
oder auf SpieBgesellenschaft zu rauberischen
Abenteuern, wobei jedes Mitglied gleichen Anteil
an Gefahr und Beute hat. Sie ergibt sich nicht
aus der Notwendigkeit, sich zu irgendeinem iiber
diesen Kreis hinausgreifenden Zweck zu organisieren,
sondern sie ist nur die Ausdehnung des
Familiengefiihls und der Verpflichtungen des
Herzens auf ein nach Raum und Zeit viel weiteres
Feld. Eure Kultur griindet sich auf das Ideal
der "maitri" [2], - maitri gegeniiber den Menschen
und maitri gegeniiber der Natur. Und der
wahre Ausdruck dieser Liebe ist die Sprache der
Schonheit, die die allgemeine Sprache dieses Landes
ist. Sie macht es, daB ein Fremder wie ich
nicht mit einem GefUhl des Neides oder der
Demiitigung all diesen Offenbarungen von Schiln"
heit und Liebe gegeniibersteht, sondem mit
Freude und Frohlocken die Herrlichkeit und GrilBe
des Menschenherzens preist, die sich in ihnen
kundgibt.
Dnd aus diesem Grunde fUrchte ich die Verlinderung,
die die japanische Kultur bedroht, wie
eine Gefahr fiir mich selbst.· Denn die ungeheure
Andersartigkeit des modernen Zeitalters,
wo der Nutzen das einzige Band ist, das die
Menschen verbindet, sticht nirgends so klliglich
ab von der Wiirde und verborgenen Kraft stiller
Schilnheit wie in Japan.
Aber die Gefahr liegt darin, daB die organisierte
Hal3lichkeit den Geist bestiirmtund' den
Sieg davontrligt durch die Wucht ihrer· Masse,
durch die Hartnlickigkeit ihres Angriffs, durch
die Macht des Spottes, den sie gegen die tieferen
Gefiihle des Herzens richtet. Ihre grobe AUfdringlichkeit
zieht gewaltsam unseren Blick auf
sich und ubermannt unsere Sinne, - und wir
opfern auf ihrem Altar wie der Wilde dem Fetisch
opfert, der ihm wegen seiner grauenhaften
HaBliehkeit maehtig erseheint. Daher ist ihre
Nebenbuhlersehaft den Dingen, die still und tief
und zart sind, so gefahrlich.
Ieh bin sieher, daB es bei eueh Mensehen
gibt, die kein Gef~hl fur eure Ideale haben; die
nur gewinnen wollen, nieht waehsen. Sie prahlen
laut, daB sie Japan modernisiert haben. Wenn
ieh ihnen aueh zugebe, daB der Geist eines Volkes
mit dem Geist seiner Zeit ubereinstimmen muB,
so muB ieh ihnen doeh zu bedenken geben, daB
das Modernisierte ebensowenig das wahrhaft Moderne
ist, wie Versmaeherei wahre Diehtkunst.
Es ist niehts als Naehahmung, nur ist die Naehahmung
lauter als das Original und folgt ihm
zu sklaviseh. Wir mussen bedenken, daB die
wahrhaft vom modernen Geist Beseelten es nieht
notig haben, zu modernisieren, ebensowenig me
die wahrhaft Tapfern Prahler sind. Das Moderne
besteht nieht in europiiiseher Kleidung oder in
den haBliehen Gebauden, worin man die Kinder
beim Unterricht einsperrt, oder in den viereckigen,
von parallelen Fensterreihen durchlocherten
Hiiuserkiisten, worin die Menschen zeitlebens eingekerkert
sind. Und sicher zeigt sich der modeme
Geist nicht in den mit allen moglichen
Widersinnigkeiten beladenen Damenhiiten. Diese
Dinge sind nicht modern, sondem nur europaisch.
Das wahrhaft Moderne ist Freiheit des Geistes,
nicht Sklaverei des Geschmacks. Es ist Unabhiingigkeit
des Denkens und Handelns, nicht Unmiindigkeit
unter der Vormundschaft europiiischer
Schulmeister. Es ist Wissenschaft, aber nicht
ihre verkehrte Anwendung im Leben, eine bloBe
Nachahmung unserer Lehrmeister in der Naturwissenschaft,
die sie ZunI ttirichten Aberg~uben
herabwiirdigen, indem sie ihre Hilfe zu allen
moglichen und unmoglichen Zwecken anrufen.
Das Leben, das sich auf bloBe Wissenschaft
griindet, hat fUr manche einen Reiz, weil es das
Wesen des Sports hat: es gibt sich als Ernst und
ist im Grunde nur eine Unterhaltung. Wer auf
. die Jagd geht, muB moglichst wenig von Mitleid
wissen, denn sein einziges Ziel i.t, das Wild
zu jagen und zu tOten, ZU fLihlen, daB er das
starkere Tier ist, daB seine Vernichtungsmethode
grUndlich und wissenschaftlich ist. Und ein
Leben, das in der Wissenschaft aufgeht, ist soleh
ein oberflachliches Sportsleben. Es strebt mit
Geschick und GrUndlichkeit nach Erfolg und
kUmmert sich nicht unl die hohere Natur des
Menschen. Aber die, die roh genug sind, wirklich
glauben ZU. konnen, daB der Mensch nichts
weiter als ein Jager und sein Paradies ein Paradies
fUr Sportsleute ist, und die danach ihr Leben
einrichten, werden eines Tages mitten unter
ihren Jagdtrophaen von Schadeln und Skeletten
mit rauher {land aus ihrem Wahn herausgerissen.
Ich will damit durchaus nicht sagen, daB Japan
nicht darauf bedacht sein sollte, sich moderne
Waffen zu seiner Verteidigung zu verschaffen.
Aber dies sollte nie Uber das, was der Selbsterhaltungstrieb
verlangt, hinausgehen. Japan muB
bedenken, daB die wahre Macht nicht in den
Waffen selbst liegt, sondern in dem Mann, der
diese Waffen Schwingt; und wenn er in seinem
eifrigen Streben nach Macht seine Waffen auf
Kosten seiner Seele
vervielfaltigt, so ist er selbst
in groBerer Gefahr als seine Feinde.
Lebendiges ist so leicht zu verletzen, daher
bedarf es des Schutzes. In del' Natur schiitzt
das Leben sich durch Hiillen, die selbst aus lebendigem
Stoff gebaut sind. Daher halten sie mit
dem Wachstum des Lebens Schritt, oder sie losen
sich leicht ab, wenn die Zeit kommt, und werden
vergessen.· Del' wahre Schutz des Menschen
sind seine Ideale, die in lebendigem Zusammenhang
mit seinem Leben stehen und mit ihm
wachsen. Abel' zu seinem Ungliick sind nicht
aBe seine Schutzhiillen lebendig, einige sind am
tragem und totem Stahl gemacht. Daher muB
del' Mensch, wahrend er sie gebraucht, achtgeben,
daB sie ihm nicht zu Tyrannen werden.
Wenn er so schwach ist, daB er sich kleiner
macht, urn sich seiner Schutzhiille anzupassen,
dann wird es ein langsamer Selbstmord, .indem
die Seele nach und nach zusammenschrumpft.
Wenn Japan diese Gefahr vermeiden will, muB
es den festen Glauben an das sittliche Lebensgesetz
haben und iiberzeugt sein, daB die Vol-
ker des Westens diesen Pfad zum Selbstmord
gehen, indem sie ihr Menschentum ersticken
unter dem ungeheuren Gewicht ihrer Organisationen,
urn sich selbst in der Macht und andere
in Sklaverei zu halten.
Das Gefahrliche fiir Japan ist nicht die Nachahmung
del' auBeren Erscheinungen del' westlichen
Kultur, sandel'll die Ubernahme ihrer
inneren Triebkrafte. Seine sozialen Ideale fangen
schon an zUrUckzuweichen im Kampf gegen die
Politik, und es zeigt schon Neigung zum politischen
Hazardspiel, bei dem die Beteiligten ihre
Seele einsetzen, urn das Spiel zu gewinnen. Ich
sehe ihr Motto, das sie von del' Naturwissenschaft
iibernommen haben: "Das Uberleben des
Passendsten" - ich .ehe es in graBen Buchstaben
iiber dem Eingang ihrer gegenwartigen Geschichte,
das Motto, dessen Sinn ist: "Hilf dir,
und kiimmere dich nicht darum, was es andere
kostet" - das Motto des Blinden, del' nur an
das glaubt, was er beriihrt, weil er nicht sehen
kann. Abel' die, die sehen konnen, wissen sich
so eng mit den Menschen verbunden, daB, wenn
sie andere schlagen, der Schlag auf sie zuriickfliUt.
Die groBte Entdeckung, die der Mensch
je gemacht hat, ist die Entdeckung des sittlichen
Gesetzes, daB der Mensch der Wahrheit urn so
. naher . kommt, je mehr er sich in andern erkennt
und empfindet. Diese Wahrheit hat nicht
nur subjektiven Wert, sondern sie offenbart sich
in jeder Lebenssphare. Dnd Volker, die eifrig
sittliche Blindheit als Vaterlandsliebe kultivieren,
werden jah und gewaltsam zugrunde gehen.
In friiheren Zeiten hatten wir die EinfaUe fremder
Eroberer zu erdulden, es gab Grausamkeit und
BlutvergieBen, Eifersuchtsintrigen und Habgier.
Aber die Seele des Volkes wurde von aUedem
nicht in ihrer Tiefe beriihrt, denn das Volk als
Ganzes war an diesem Treiben nicht aktiv beteiligt.
. Diese Dinge gingen nur auS dem Ehrgeiz
einzelner hervor. Das Volk selbst, da es frei
war von der Verantwortlichkeit fiir die niedrige
und verbrecherische Seite jener Abenteuer, hatte
davon nur den sittlichen Gewinn, daB seine Anlagen
zum Heldentum und zur Menschlichkeit
dadurch entwickelt wurden: seine nicht wankende
Untertanentreue, seine unbedingte Hingabe an
die Pflichten der Ehre, seine Fahigkeit, sich ganz
aufzuopfern, und seine Furchtlosigkeit gegeniiber
Tod und Gefahr. Daher wurden die Ideale, die
im Herzen des Volkes ihren Sitz hatten, nicht
ernstlich geHihrdet durch die wechselnde Politik
del: Konige und Heerfiihrer. Aber jetzt, wo der
Geist der westlichen Zivilisation zur Herrschaft
gekotumen ist, wird in dem ganzen Yolk von
Kindheit an HaJ3 und Ehrgeiz genahrt durch
aile moglichen Mittel: dadurch daB man die Geschichte
halb wahr oder unwahr darstellt, daJ3
man falsche Vorstellungen von andern Volkern
erweckt und unfreundliche Gefiihle gegen sie
groJ3zieht, daJ3 man Ereiguisse, die um der
Menschlichkeit willen ~moglichst schnell verge&sen
werden sollten, in Denkschriften festhalt, haufig
auf Kosten der Wahrheit, und sobest1indig
schlimme Bedrohungen gegen Nachbarn und
fretude Volker schafft. Dies heiJ3t die Menschlichkeit
an ihrer Quelle vergiften. Es heiJ3t die
Ideale entwerten, die aus dem Leben unserer
GroJ3ten und Besten geboren sind. Es heisst die
Selbstsucht als riesiges Gotzenbild aufstellen fUr
a1le Volker der Erde. Wir konnen a1les andere
auS den Randen der Naturwissenschaft annehmen,
nur nicht dieses Elixir sittlichen Todes. Glaubt
doch keinen Augenblick, daB das Ubel, das ihr
andern Volkern zufiigt, euch nicht· anstecken
wird, und daB die Feindschaft, die ihr rings um
euch sat, fiir a1le Zukunft eine Schutzmauer
fiir euch werden konnte! Wenn man den Geist
emes ganzen Volkes mit maBJoser Eitelkeit auf
sellie Uberlegenheit erfii1lt, wenn man es lehrt,
stolz zu sein auf sittliche Sturnpfheit und auf
seinen durch Unrecht erworbenen Reichtum, wenn
man die Derniitigung besiegter Volker dauernd
macht, indem man Siegestrophaen zur Schau
ste1lt und sie in den Schulen benutzt, um irn
Rerzen der Kinder Verachtung fiir andere groBzuziehen,
so·ahmt man dern Westen da nach,
wo er ein eiterndes Geschwiir hat, das imrner
weiter urn sich friBt, bis in seinen Lebenskern.
Unsere Nahrpflanzen, die zu unserern Lebensunterhalt
notig sind, sind Produkte jahrhimdertelanger
sorgfaltiger Auslese und Pflege. Aber die
Pflanzen, die wir nicht zu Lebenssaft in uns umschaffen,
bedurfen nicht der geduldigen Pflege
gpnzer Menschenalter. Es ist nicht leicht, Unkraut
loszuwerden, aber es ist leicht, durch
dauernde VernachHissigung die Nahrpflanzen wieder
verwildern zu lassen. So verlangte auch die
Kultur, die sich so gfitig eurem Boden angepaBt
hat und so mit eurem Leben und eurer
Menschlichkeit verwachsen ist, nicht nur in frnheren
Zeiten fleiBiges Umgraben und Jaten, sondern
sie bedarf noch jetzt sorgfaltiger Arbeit und
Wachsamkeit. Das, was nur modern ist, wie die
Naturwissenschaft und die Organisation, laBt sich
verpflanzen; aber das, was zum Wesen des Menschen
gehijrt, hat so zarte Fasern und so zahlreiche
und weitgreifende Wurzeln, daB es stirbt,
wenn es aus seinem Boden gerissen wird. Daher
macht es mich besorgt, wenn ihr mit rauher
Hand die politischen Ideale des Westens euren
eigenen aufdriickt. In der westlichen Politik ist·
der Staat ein abstrakter Begriff und eine Verbindung
der Menschen auf Grund des Nutzlichkeitsprinzips.
Weil solehe Zivilisation nicht im
Gefuhl wurzelt, ist Sle so gef<ihrlich leicht zu
handhaben. Ein halbes Jahrhundert hat fur euch
genugt, urn diese Maschine zu meistern, und es
gibt Menschen unter euch, die sie lieber haben
als die lebendigen Ideale, die mit eurem Yolk
geboren und jahrhundertelang von euch gepflegt
wurden. Sie sind wie Kinder, die in der Begeisterung
des Spiels glauben, ihre Spielsachen
mehr zu lieben als ihre Mutter.
Wo der Mensch am groBten ist, ist er unbewuBt.
Eure Kuhur, die aus eurem Gemeinschaftsgefiihl
entsprungen ist, wurzelt in der Tiefe eines
gesunden Lebens, wohin derSpaherblick derSelbstbeobachtung
nicht reicht. Aber eine rein politische
Zusammengehorigkeit ist durchaus bewu13t, sie
auBert sich als ein pliitzlich ausbrechendes Fieber
der Angriffslust, wie es sich jetzt gewaltsam eurer
Seele bemachtigt hat. Und die Zeit ist gekommen,
wo ihr zu vollem BewuBtsein aufgeruttelt werden
muBt, damit ihr eure wahre Lebensquelle
noch rechtzeitig erkennt, ehe es zu spat ist. Die
Vergangenheit wurde euch von Gott geschenkt,
fur die Gegenwart muBt ihr selbst dieWahl treffen.
Daher muBt ihr diese Fragen an euch stellen:
Haben wir die Welt falsch verstanden und unsere
Beziehung zu ihr auf Unkenntnis del' menschlichen
Natur gegrundet? Hat del' 1nstinkt des
Westens recht, del' sein nationales "Vohl aufbauen
will hinter einer Mauer von MiBtrauen
gegen die ganze Menschheit?
Ihr
musst immer einen starken Unterton von
Furcht gespiirt haben, wenn del' Westen von
del' Miiglichkeit sprach, daE ein iistliches Volk
emporkommen kiinnte. Del' Grund dafUr ist, daB
die Macht, wodurch del' Westen herrscht, eine
biise Macht ist. Solange er sie allein auf seiner
Seite hat, ist er sichel', wahrend die iibrige Welt
zittert. Die gegenwartige Zivilisation Europas
muE, wenn sie leben solI, trachten, den Satan
und seine Machte ausschlieBlich in ihrem Dienst
zu haben. 1hre ganze Kriegsausriistung und
Diplomatie richten sich auf dies eine Ziel. Abel'
all diese kostspieligen R.iten zur Beschwiirung
des biisen Geistes fUhren auf einem VVeg auBeren
Gedeihens ZUlU R.and eines Abgrunds. Die
Schreckensfurien, die del' Westen auf Gottes Welt
losgelassen hat, werden zu ihm zuriickkomrrten
und ihn selbst bedrohen und ihn zu immer furchtbareren
Riistuugen treiben, und er wird keine
Ruhe linden und ailes vergessen und an nichts
anderes denken konnen als an die Gefahren, die
er fiir andere bewirkt und die er selbst auf sich
Hidt. Dieser l'olitik des Teufels opfert er andere
Lander. Er nahrt sich von den Erschlagenen
und wird fett davon, solange die Leichname
frisch sind; aber sie werden zuletzt faulen und
ihr Rachewerk begiunen, indem sie weithin ihre
unreinen Stoffe verbreiten und die Lebenskraft
derer vergiften, die sich von ihnen nahren. Japan
hatte ail seinen Reichtum an Menschlichkeit,
seine Begeisterung fUr Heldentum und Schonheit,
seine bewundernswerte Kraft, sich zu beh81'rschen
und sein Wesen in der Kunst zum Ausdruck
zu bringen; doch die westlichen Volker
hatten keine Elu'furcht vor ihm, bis es ihnen
zeigte, daB die Bluthunde des Satans nicht nur
in den Hundehiitten Europas geziichtet werden,
sondern daB man sie auch in Japan zahmen und
mit dem Elend der Menschen fiittern kann. Sie
geben Japans Gleichberechtigung nur zu, wenn
sie wissen, daB Japan auch den Schlussel besitzt,
um die Schleusen der Holle zu offnen und diese
schone Erde mit ihrer Flut. zu uberschwemmen,
sobald es will, und daB es nach ihrer eigenen
Melodie den Hollentanz von Plunderung, Mord
und Frauenschandung tanzen kann, wahrend die
Welt zugrunde geht. Wir WlSsen, daB der sittlich
noch unreife Mensch nur vor dem Gott
Ehrfurcht hat, dessen Tucke er fiirchtet. Aber
ist dies das Ideal des Menschen, zu dem wit mit
Stolz aufsehen konnen? Wenn nach Jahrhunderten
der Zivilisation die Volker einander fiirchten
wie in der Nacht nach Beute herumstreifende
Raubtiere, wenn sie ihre Turen ungastlich verschlieBen
und sich nur zum Angriff oder zur
Verteidigung zusammentun, wenn sie ihre Handelsgeheimnisse,
Staatsgeheimnisse, Rustungsgeheimnisse
in ihren Hohlen verbergen, wenn sie
den bellenden Hunden der andern Fleisch zur
Beschwichtigung bieten, das ihnen nicht gehort,
wenn sie gesunkene Volker, die versuchen sich
aufzurichten, mit Gewalt niederhalten, wenn sie
ihre Sicherheit nur in del' Schwache del' iibrigen
Menschheit sehen, wenn sie schwacheren Vtilkern
mit del' Rechten Religion reichen und sie mit
del' Linken berauben, - ist darin irgend etwas,
das unseren Neid erwecken ktinnte? Sollen wir
unsere Knie VOl' dem Geiste diesel' Zivilisation
beugen, del' Samen von Furcht, Gier und MiBtrauen
und salbungsvolle Liigen von seiner Friedensliebe
und seinem guten Willen und von del'
allgemeinen Briiderlichkeit mit breitem Wurf
iiber die ganze Welt sat? Ktinnen wir ohne
MiBtrauen im Herzen auf den Markt des Westens
eilen, um fill' unser Erbe jenes auslandische Erzeugnis
einzutauschen? rch weill, wie schwer
es ist, sich selbst zu kennen, und daB del' Mann,
del' betrunken ist, wiitend seine Truriksucht ableugnet;
doch del' Westen selbst denkt mit Sorge
iiber seine Schaden nach und sucht nach Heilmitteln.
Abel' er ist wie del' Schlemmer, del'
nicht das Herz hat, seine UnmiiJ3igkeit im Essen
aufzugeben, und del' sich Wricht an die Hoffnung
klammert, er ktinnte seine Verdauungsbeschwerden
durch Arznei heilen. Europa ist
nicht gewillt, seme unmenschliche Politik und
all die niederen Leidenschaften, die dazu gehoren,
aufzugeben; es glaubt nur an eine Anderung
des Systems, aber nicht an eine Umwandlung
des Herzens.
Wir wollen uns
wohl ihre Maschinen aneignen,
doch nicht mit dem Herzen, sondern nur mit
dem Hirn. Wir werden sie ausprobieren und
Schuppen fur sie bauen, doch. in unser Heim
und unsere Tempel lassen wir sie nicht ein. Es
gibt Volker, welchen die Tiere, die sie toten,
heilig sind; wir konnen wohl Fleisch von ihnen
kaufen, wenn wir hungrig sind, aber den KuIt
ubernehmen wir nicht mit. Wir durfen nicht
die Herzen unserer Kinder vergiften mit dem
Aberglauben: Geschaft ist Geschaft, Kriegist
Krieg, Politik ist Politik. Wir. miissen wissen,
daJ3 das Geschaft dem Menschen mehr sein muJ3
als bloJ3es Geschaft, und ebenso Krieg und Politik.
Ihr hattet eure eigene Industrie in Japan; wie
peinlich ehrlich und gediegen sie war, sieht man
an den Erzeugnissen, an ihrer Feinheit und HaItbarkeit,
an der gewissenhaften Ausfiihrung der
kleinen Einzelheiten, die man beim Kauf kaum
be~erkt. Aber die Flutwoge des Betrugs ist
uber euer Land gefegt von dem Teil der Welt
her, wo Geschaft Geschaft ist und Ehrlichkeit
dabei nur als die beste Politik befolgt wird. Habt
ihr euch nie geschamt, wenn ihr saht, wie die
Reklamezettel nicht nur die ganze Stadt mit
Lugen und Ubertreibungen bekleben, sondern
auch in die griinen Felder dringen, wo der Landmann
seine ehrliche Arbeit tut, und auf die
Spitzen der Hugel, die das erste reine Licht des
Morgens begruBt? Es ist leicht, unseren Sinn
fur Ehrlichkeit und unser Zartgefiihl durch bestandiges
Reiben abzustumpfen, wahrend die Luge
im, Namen von Handel, Politik und Patriotismus
mit stolzem Schritt einherstelzt, so daB jeder
Protest gegen ihr fortwahrendes Eindringen in
unser Leben als Sentimentalitat gilt, die 'eines
rechten Mannes unwiirdig ist.
Und so weit ist es gekommen, daB die Nachkommen
jener HeIden, die um ihr Leben nicht
wortbriichig geworden waren, die es verwerflich
gefunden hatten, Menschen um gemeinen Vor-
teils willen zu betriigen, die selbst im Kampf
die Niederlage einem unehrenhaften Sieg vorgezogen
hatten, - daB diese Nachkommen sich
eifrig der Liigen bedienen und sich nicht schamen,
dadurch Vorteile zu gewinnen. Und dies ist
bewirkt durch den Zauber des Wortes "modern".'
Aber wenn reine Niitzlichkeit modern ist, so ist
die Schonheit ewig; wenn niedere Selbstsucht
modern ist, so sind die menschlichen Idealekeine
neuen Erfindungen. Und wir miissen iiberzeugt
sein, wie modern auch die technische Fertigkeit
ist, die den Menschen urn Methoden und Maschinen
willen stutzt und verkriippelt, alt werden
wird sie nicht.
Aber wahrend wir versuchen, uns von den
AnmaBungen Europas und von unserer eigenen
Verblendung zu befreien, konnen wir leicht in
den gegenteiligen Fehler verfallen und durch ein
allgemeines MiBtrauen gegen den Westen unsere
Augen der Wahrheit verschlieBen. Wenn wir
aus einer Tauschung gerissen werden, so treibt
uns der Riickschlag der Enttauschung Immer
genau so weit von der Wirklichkeit ab wie der
erste Schwung des \Vahns. Wir mUssen versuchen
zu der normalen GemUtsverfassung zu
kommen, wo wir deutlich die Gefahr rur uns
sehen und vermeiden konnen, ohne gegen die
Ursache der Gefahr ungerecht zu sein. Wir sind
immer von Natur versucht, Europa in seiner
eigenen Miinze heimzuzahlen und Verachtung
mit Verachtlmg, Boses mit Bosem zu vergelten.
Aber das hieBe wieder einen der schlimmsten
Charakterzuge Europas nachahmen, der sich in
seinem Betragen gegen die Volker zeigt, die es
als gelbe oder rote, braune oder schwarze Rassen
bezeichnet. (Hier ist ubrigens ein Punkt, wo
wir ostlichen Volker uns ebenso schuldig bekennen
mussen, da wir die Menschheit beleidigten,
indem wir Mensrhen, die zu einem besonderen
Glauben, einer bewnderen Farbe oder Kaste gehorten,
mit auBerster Verachtung und Grausamkeit
behandelten.) Nur weil wir uns vor unserer
eigenen Schwache furchten, die sich durch den
Anblick der Macht uberwaltigen laBt, versuchep
wir, eine andere Schwache' an ihie Stelle zu
setzen, die uns blind marht gegen das, was den
wahren Ruhm des VVestens ausmacht. Erst w",nn
wir das Europa wahrhaft kennen, das groB und
gut ist, konnen wir uns wirksam VOY dem Europa
bewahren, das niedrig und habgierig ist. Man
wird leicht unbillig in seinem Urteil, werm man
dem menschlichen Elend gegenubersteht, - Imd
man wird pessimistisch in seinen Theorien, wenn
das Rerz leidet. Aber nur der kann an der
Menschheit verzweifeln, der den Glauben an die
hohere Macht verliert, die ih1' wieder Kraft gibt,
wenn sie am klaglichsten darniederliegt, und die
aus ihren Ruinen neues Leben weckt. Wir mussen
nicht verkennen, daB im vVesten eine lebendige
Seele ist, die einen stillen Kampf kampft gegen
die ungeheuren Organisationen, unter denen
Manner, Frauen und Kinder zermalmt werden,
weil ihr Mechanismus keine geistigen Imd menschlichen
Gesetze kennt - eme lebendige Seele,
deren Gefiihl sich nicht ganz abstumpfen MEt
durch die gefahrliche Gewohnheit, rucksichtslos
gegen die Volker zu verfahren, filr die ihr die
natilrliche Sympathie fehlt. Der Westen hatte
sich nie zu der Rohe erheben konnen, die er
erreicht hat, werm seme Starke nur die Starke
des wilden Tieres odeI' del' Maschine ware. Das
Gottliche in seinem Herzen leidet bei den Wunden,
die seine Hand del' Welt schlagt, _ aus
mesem Schmerz seiner besseren Natur flieBt del'
geheime Balsam, del' all jene Wunden heilen
wird. Immel' wieder hat er gegen sich selbst
gekampft und die Fesseln gelost, die seine eigenen
Hande urn hilflose Glieder gelegt hatten; und
wenn er ein groBes Yolk mit dem Schwerte
zwang, das Gift, das er ihm bot, zu trinken, nul'
urn schnoden Geldgewinn, so rilttelte er sich
doch selbst auf zur Erkenntnis seiner Tat und
suchte, sie wieder gutzumachen. Dies zeigt, daB
an scheinbar oden, unfruchtbaren Ste11en verborgene
Quellen von Menschlichkeit flieBen. Es
zeigt, daB del' wahre Kern seiner Natur, del' all
mese Feigheit und Grausamkeit ilberleben karm,
nicht Selbstsucht ist, sondern Ehrfurcbt VOl' selbstlosen
Idealen. Wir wilrden sowohl Europa als
auch uns selbst unrecht tun, wenn wir sagten,
es hatte den modernen Osten nul' durch die
blol3e Schaustellung seiner Macht bestrickt. Durch
den Rauch del' Kanonen und durch den Staub
del' Miirkte hat das Licht seiner sittlichen Natur
hell geleuchtet und uns das Ideal sittlicher Freiheit
gebracht, das tiefere Grundlagen hat als
gesellschaftliche Konventionen und dessen Wirkungsbereich
die ganze Welt ist.
Der Osten hat durch seine Abneigung hindurch
instinktiv gefuhlt, daB er viel von Europa
zu lernen hat, nicht nur in bezug auf die materiellen
Mittel seiner Macht, sondern auch auf
ihre inneren Quellen, die dem Geist und del'
sittlichen Natur des Menschen angehoren. Europa
hat uns gelehrt, daB wir neben den Pflichten
gegen die Familie und den Stamm hohere haben
gegen die Allgemeinheit; es hat uns die Heiligkeit
des Gesetzes gelehrt, das die Gesellschaft
unabhiingig macht von del' Laune des Einzelnen,
ihr dauernden Fortschritt und allen Menschen
in allen Lebenslagen gleiches Recht siehert. VOl'
allem hat Europa in jahrhundertelangem Leiden
und Kampfen das Banner del' Freiheit hochgehalten,
del' Freiheit des Gewissens, del' Freiheit
des Denkens und Handelns, del' Freiheit fur
seine Ideale in der Kunst und Literatur. Und
weil sich Europa unsere tiefe Achtungerworben
hat, ist es so gefahrlieh fur uns geworden
da, wo es schwach und falsch ist, - gefahrlich
wie Gift, das man uns in unsere beste Speise
mischt. Es gibt eine Rettung fUr uns, auf die
wir hoffen konnen: wir konnen Europa selbst
als Bundesgenossen anrufen im Kampf gegen
seine Verfiihrungen und gewaltsamen Dbergriffe;
denn da es immer sein sittliches Ideal
hochgehalten hat, an dem wir es messen und
seinen Abfall ihm nachweisen klinnen, so klinnen
wir es vor sein eigenes Gericht fordem lind es
beschamen, und solche Scham ist das Zeichen
wahren Adelsstolzes.
Doch wir ftirchten, daB das Gift wirksamer
ist als die Speise, und daB das, was sich heute
als Kraft auBert, nieht Zeichen von Gesundheit,
sondem vom Gegenteil ist. Wir ftirchten, daB
das Bose, wenn es so ungeheure Formen annimmt,
einen verhangnisvollen Zauber austibt, und wenn
es auch sieher durch sein abnormes MiBverhiiltnis
das Gleichgewicht verliert, so ist doch das Un-
heil, das es VOl' seinem Sturz anrichtet, vielleicht
nicht wieder gutzumachen.
Daher bitte ich euch, habt die Kraft des
Glaubens und die Klarheit des Geistes einzusehen,
daB del' schwerfallige Bau des modernen
Fortschritts, del' durch die eisernen Klammern
del' Niitzlichkeit zusammengehalten wird und
auf den Radern des Ehrgeizes rollt, nicht lange
halten kann. Es werden sichel' ZusammenstiiBe
kommen, denn er muB auf den Schienen del'
Organisation laufen, er kann seinen Weg nicht
frei wahlen, und wenn er einmal entgleist, entgleist
mit ihm del' ganze Wagenzug. Es winl
ein Tag kommen, wo er in Trfunmer fallen
und zu einer ernstlichen Verkehrshemmung in
del' Welt werden wird. Sehen wir nicht schon
jetzt Anzeichen davon? Horen wir nicht eine
Stimme durch den Larm des Krieges, durch das
HaBgeschrei, das Jammern del' Verzweiflung,
durch das Aufriihren des unsagbaren Schmutzes,
del' sich jahrhundertelang auf dem Boden del'
modernen Zivilisation angesammelt hat, eine
Stimme, die unserer Seele zuruft, daB del' Turm
der nationalen Selbstsucht, del' sich Patriotismus
nennt und sein Banner des Verrats frech zum
. Himmel wehen HiBt, ins Schwanken geraten und
mit gewaltigem Krach zusammensturzen wird,
durch seine eigene Masse herabgezogen, so daB
seine Fahne den Staub kuBt und sein Licht erlischt?
Meine Bruder, wenn die roten Flammen
dieses gewaltigen Brandes prasselnd ihr GeHichter
zu den Stemen schicken , setzt ihr euer Vertrauen
auf die Sterne und nicht auf das vernichtende
Feuer. Denn wenn diesel' Brand sich
verzehrt hat und erlischt und einen Aschenhaufen
als Denkzeichen zurucklaBt, wird das
ewige Licht wieder im Osten leuchten - im
Osten, wo das Morgenlicht del' Menschheitsgeschichte
geboren ist. Und weI' weiB, ob nicht
diesel' Tag schon dammert, ob nicht am ostlichen
Horizont Asiens die Sonne schon aufgegangen ist?
Dann begrUBe ich wie die Sanger meiner Vorfahl'en
das Mol'genrot diesel' ostlichen Sonne, die bestimmt
ist, noch einmal die ganze Welt zu erleuchten.
Ich weiB, meine Stimme ist zu schwach, sich
uber den Lann diesel' hastenden Zeit zu erheben,
und es ist leicht fUr jeden Gassenbuben, mn"
das Wort "unpraktisch" nachzuwerfen. Es bleibt
an mil' kleben und laBt sich nicht abwischen
und bewirkt, daB aile achtbaren Menschen iiber
mich hinwegsehen. Icll; weiB, welche Gefahr
man bei del' robusten Menge lauft, wenn man
Idealist genannt wird, heutzutage, wo Throne
ihre Wiirde verloren haben und Propheten ein
Anachronismus geworden sind, wo das Geschrei
des Marktes alle anderen Stimmen iibertont.
Doch als ich eines Tages an del' auBersten
Hansergrenze del' Stadt Jok..hama stand, die von
modemen Dingen strotzte, und die Sonne langsam
hinabtauchen sah in euer siidliches Meer,
als ich es in seiner stillen Majestat daliegen sah
zwischen enren mit Fichten bedeckten Hiigeln,
_ als ich den groBen Fudschijama am goldenen
Horizont verblassen sah W1e einen Gott,
del' von seinem eigenen Glanz iiberwaltigt wird
_ da quoll die Musik del' Ewigkeit herauf zu
mil' durch das Abendschweigen, und ich wuBte,
daB Himmel und Erde mit all ihrer Schonheit
auf seiten del' Dichter und Idealisten sind, und
nicht auf seiten del' Marktleute mit ihrer derben
Verachtung fUr alles GefUhlswesen; ich wuBte,
daB del' Mensch, nachdem er eine Zeitlang
seinen gottlichen Ursprung vergessen hat, sich
wieder daran erinnem wird, daB del' Himmel
stets in BerUhrung mit seiner Erde ist und sie
nicht fur immer den raubgierigen Wolfen unserer
heutigen Zeit preisgibt.
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Notes:
2. Sanskrit maitri "Freundschaft", im Biddhismus Ausdruck
fur Wohlwollen (eines der vier Gefuhle -- Wohlwollen;
Mitleid, Heiterkeit, Gleichmut -- die als Vorbereitung auf das
hohere geistige Streben gepflegt werden sollen).
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